Kostbare Tage / Kent Haruf

Peter Helling, NDR Kultur, 26.05.2020

Der US-amerikanische Schriftsteller Kent Haruf, 1943 als Sohn eines methodistischen Reverends geboren, hat sechs Romane geschrieben. Sie alle spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt bei Denver, Colorado, wurden mehrfach prämiert, etwa mit dem Writers‘ Award. Sein letzter Roman, „Unsere Seelen bei Nacht“, wurde mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. „Benediction“ heißt sein vorletzter, er erschien 2013 in den USA und unter dem Titel „Kostbare Tage“ jetzt im Diogenes-Verlag.

Der Sommer liegt schwer auf dem Land. Dad Lewis stirbt, 77 Jahre ist er alt, er hat Krebs. Er lebt in Holt, einer Kleinstadt bei Denver. Mit der Diagnose beginnt dieser Roman. Kent Harufs „Kostbare Tage“ ist die Geschichte einer ablaufenden Frist.

Der Roman „Kostbare Tage“ ist grobe, ja kunstlose Prosa, unwillkürlich denkt man an den großen Roman „Stoner“ von John Williams. Frauen pflegen, waschen einen sterbenden Körper. Gesten von selbstverständlicher Wärme.

Aber es geht um viel mehr als um einen sterbenden Mann. Das Buch bietet einen Einblick in die Seele der Vereinigten Staaten, eines zerrissenen Landes, schon 2013, als Kent Haruf den Roman geschrieben hat. Er selbst ist 2014 gestorben und dass sein Roman jetzt auf Deutsch erscheint, ist ein Glücksfall.

Das Sterben dagegen wird schmerzhaft genau beschrieben, da wird die Lektüre qualvoll. Fast zu schwerfällig. Kent Haruf zeichnet Bilder wie von Edward Hopper. Das heiße Licht fällt über Veranden auf Menschen, die mit trübem Blick hinter Fenstern sitzen. Ein tristes Burger-Essen im Diner. Einsam, unglücklich? Hier sind sie es alle.

Kent Haruf versteht es genau, den Besuch des Feuerwerks zum Independence Day, samt knackenden Mikros und aufgeblasenen Ritualen, als Freiheitsmoment zu zeichnen: als Alice sich an Lorraine lehnt, die gerne ihre Mutter wäre. Haruf schreibt knochentrockene Hauptsätze, webt ungekünstelte Dialoge.

Doch dann: Am Tag des Todes von Dad ist Alice plötzlich weg. Im „Wunderland“ ist sie nicht.

Leben und Tod stehen sich wie alte Nachbarn gegenüber. Nur durch eine staubige Straße getrennt. Ein Roman, durch den man sich hindurch wühlen muss, er ist weder gefällig noch elegant, weder metaphysisch noch psychologisch. Aber sein mahlender Rhythmus, dieser erzählerische Fluss, zieht in den Bann. Am Ende weht ein Blizzard über das trockene Land, verwischt die Spuren.

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